Wohnen mit Demenz
Der demographische Faktor wirkt sich auf das Zusammenleben von Alt und Jung aus, Gesellschaftsformen, die einst Gültigkeit hatten, lassen sich nicht mehr realisieren. Diese und ähnliche Binsenweisheiten werden uns jeden Tag vorgehalten. Sicher, wir wissen alle, es werden nicht mehr genug Kinder geboren, damit der Generationenvertrag noch funktioniert und die Jungen können später einmal die Alten und Pflegebedürftigen nicht mehr versorgen. Die Veränderungen im Gesellschafts- und Arbeitsprozess lassen dies häufig gar nicht mehr zu, Alt und Jung können oder wollen nicht mehr unter einem Dach leben. Aber welche Möglichkeiten gibt es dann für den Einzelnen, wenn er allein nicht mehr zurechtkommt, die Unterstützung durch häusliche Pflegeorganisationen nicht ausreicht und Versorgung und Betreuung rund um die Uhr ansteht? Häufig ist es dann das klassische Altenheim, bei dem dann oft ein schlechtes Gewissen bei den Angehörigen zurückbleibt, die Vater oder Mutter nicht selbst betreuen können, oft aber auch Unwillen bei einzelnen Heimbewohnern, denn sie müssen ihr angestammtes Umfeld verlassen, eine Wohnung aufgeben, in der sie oft Jahrzehnte gelebt haben. Sie verlieren die Bindungen zu Nachbarschaft und alten Freunden und Bekannten. Dadurch fühlen sich viele fremd und entwurzelt. Doch bleiben auch andere Möglichkeiten? Jeder von uns kann morgen in der Situation sein, auf Hilfe angewiesen zu sein. Deshalb sollte man sich rechtzeitig Gedanken machen, was dann geschehen soll. An der Alten Bahnhofstraße gibt es seit dem Frühjahr 2009 eine Demenzwohngemeinschaft. Die DOPO hat mit der Koordinatorin dieser WG, Frau Melanie Nikoleit von der Mobilen Alten- und Krankenpflege GmbH, gesprochen und möchte deren Konzept als ein Beispiel für alternative Wohnformen vorstellen. Gerade für demente Personen ist es ungeheuer wichtig, ein Umfeld mit hohem Wiedererkennungsfaktor zu haben, um möglichst lange auch mit dieser Erkrankung am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Dies ist mittlerweile erwiesen. Und eine große, nicht zu unterschätzende Bedeutung hat dabei das eigene Zuhause. Was kann man aber davon erhalten, wenn der Mensch mit Demenz den eigenen Alltag nicht mehr meistern kann? Aus diesem Gedanken heraus sind Dementenwohngruppen mit maximal neun Bewohnern entstanden, die auf der Alten Bahnhofstraße ist schon die dritte und weitere sollen folgen. Entgegen einem "normalen" Heim sind hier die Bewohner bzw. deren betreuende Angehörigen die Anmieter in der Wohngemeinschaft mit allen dazu gehörenden Rechten und Pflichten, nicht der Pflegedienst. Das heißt, die betreuenden Angehörigen haben einen eigenen Hausschlüssel, Besuchszeiten gibt es nicht, im Gegenteil, der enge Kontakt zwischen den Angehörigen wird ausdrücklich gewünscht und ist fester Bestandteil dieses Konzepts. Hier bleibt ein Stück Alltag, ein Stück Normalität gewahrt. Jeder Bewohner hat sein eigenes Zimmer, das nach dem eigenen Geschmack und individuellen Bedürfnissen eingerichtet ist. Die Gemeinschafträume geben den Geschmack und die Wünsche aller wieder, können deshalb auch schon mal ein wenig bunt gemixt sein. Jeder WG-Bewohner beteiligt sich nach seinen Fähigkeiten an der Hausgemeinschaft, sei es beim Kochen, Aufräumen und vielem mehr. Hier entsteht also wieder so etwas wie "Familie", in der miteinander gelebt, gelacht, geweint, gefeiert, gestritten wird, wie in jeder normalen Familie auch. Außerdem bleibt das bekannte Umfeld erhalten, der Friseur, zu dem man ja schon immer ging, der Hausarzt, die Kirchengemeinde. Die WG soll Bestandteil des Stadtteils, kein Fremdkörper darin sein. Für alle die Tätigkeiten, die nicht mehr alleine zu bewältigen sind, steht rund um die Uhr ein multiprofessionales Team zur Verfügung. Der Pflegedienst kann von jedem selbst bzw. dessen Betreuer gewählt werden, er ist nur Gast in den Räumen der WG. Es stehen also vor allem Normalität, Vertrautheit und Häuslichkeit im Mittelpunkt, die gerade in der Dementenbetreuung einen enorm hohen Stellenwert haben. Gemeinsam beraten und beschließen die Angehörigen und die gesetzlichen Betreuer das Zusammenleben und die Regeln in der WG. Die Pflegedienste sind Dienstleistungserbringer und stellen die abgesprochene qualifizierte, auf den individuellen Bedarf des Einzelnen abgestimmte Versorgung sicher, werden dabei aber von Angehörigen und gesetzlichen Betreuern kontrolliert. Es hat sich gezeigt, dass diese Form des Miteinander sich häufig positiv auf das Verhalten von Demenzkranken auswirkt, Aktivitäten und Bedürfnissen fördert und Verhaltensauffälligkeiten und Unruhezustände reduziert. Deshalb strebt der Mobile Alten- und Pflegedienst im Rahmen dieses Konzeptes auch verstärkte Kooperation und Vernetzung z.B. mit den niedergelassenen Ärzten, Therapeuten, PD's, Kirchengemeinden u.a. an. Die Integration in Nachbarschaft und Gemeinde soll gefördert und gestärkt werden. Es ist also vieles anders als in einem Altenheim, das aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen anders arbeiten muss. Selbstbestimmung und Mitwirkung werden groß geschrieben. Wen dies neugierig gemacht hat, der kann sich auch direkt mit Frau Nikoleit in Verbindung setzen (Telefon 0234 - 92 69 30) und weitere Informationen einholen. Auf jeden Fall sollte man sich rechtzeitig Gedanken machen über die eigene Betreuung oder die der Angehörigen im Pflegefall. Es gibt sicher noch viele weitere Wahlmöglichkeiten, aber Überlegungen aus der Not heraus lassen diese dann oft nicht mehr zu. Gaby Köchling
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