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Für ein leistungsfähiges und sozial gerechtes Schulsystem!
Das gegliederte deutsche Schulwesen (Grundschule, Hauptschule, Realschule, Gesamtschule, Gymnasium, Förderschulen) ist spätestens seit den international vergleichenden PISA-Studien ins Gerede gekommen, da die integrierten Systeme besonders der skandinavischen Länder erheblich bessere Ergebnis- se für die Schülerinnen und Schüler und damit auch für die Zukunft ihrer Länder hervorbringen. Die DOPO nahm Kontakt auf zu unserem Langendreerer Mitbürger und Bildungsexperten Gerd Möller, der ehemals Schulleiter der Heinrich Böll-Gesamtschule - schließlich lange Jahre im Schulministerium in Düsseldorf zuständig war für Bildungsforschung, und bat ihn um einen Beitrag für die DORFPOSTILLE. Seine 8 Seiten langen Ausführungen, die er der DOPO freundlicherweise zur Verfügung stellte, haben wir in Absprache mit ihm auf die zentralen Aussagen für unsere Leserinnen und Leser hoffentlich ‚mundgerecht' reduziert. Sie stellen einerseits eine Bestandsaufnahme und Analyse unseres gegliederten Schulsystems dar und sind andererseits ein Plädoyer für ein integriertes System: Gerd Möllers Analyse und Bewertung des herkömmlichen gegliederten Schulsystems fußt auf etlichen internationalen (PISA, TIMMS, IGLU) und nationalen (BIJU, LAU, MARKUS) Studien. Am Anfang war PISA Bekannte Ergebnisse der PISA-Studien (2000, 2003, 2006) belegen: "Die Gruppe der Schülerinnen und Schüler, die mit großer Wahrscheinlichkeit nicht hinreichend für ihre weitere Ausbildung vorbereitet sind (sie werden als Risikoschüler/innen bezeichnet), ist viel zu groß und auf die Hauptschulen konzentriert, die Streuung zwischen den guten und schlechten Leistungen bleibt in Deutschland zu groß, Schüler/innen mit Migrationshintergrund werden nicht ausreichend gefördert und der Besuch höherwertiger Schulformen ist weiterhin auch bei gleichen Schülerleistungen weitgehend abhängig vom sozialen Hintergrund der Familien." Schlüsse aus den Besorgnis erregenden Ergebnissen der Bildungsforschung wurden gezogen - innerhalb des gegliederten Schulsystems:" Zu den wesentlichen akzeptierten Handlungsfeldern zählen frühe Sprachförderung ,von Kindern aus bildungsfernen Schichten, Umwandlung des Kindergartens von einer Betreuungs- in eine Bildungsinstitution, Systeme der Standardsicherung und Etablierung eines Systems individueller Förderung ." Lernmilieus Aber die Auswirkungen unseres gegliederten Systems bleiben besonders im Bereich der Sekundarstufe I (5. bis 10. Schuljahr) ein Problem: So bremst z.B. das "anregungsärmere Entwicklungsmilieu in Hauptschulen", wohingegen "das anregungsreichere in mittleren und höheren Schulen" das Lern- und Leistungsverhalten der Schülerinnen und Schüler fördert: "Auch bei gleichen kognitiven Grundfähigkeiten und identischem sozioökonomischen Status", so die PISA-Autoren im ersten deutschen PISA-2000-Band, "ist die Leistung eines Gymnasiasten um 49 Punkte höher als die Leistung eines Hauptschülers". Dieser Unterschied entspricht einem Lernzuwachs von mehr als einem Schuljahr."Und ergänzend ist festzustellen: "Die im internationalen Vergleich nachgewiesene ungewöhnlich große Leistungsstreuung am Ende der Vollzeitschulpflicht in Deutschland wird zu einem nicht unerheblichen Teil in der Sekundarstufe I institutionell erzeugt oder zumindest verstärkt." Bildungsansprüche Ein weiterer Problemaspekt des gegliederten Schulsystems ist eine differenzierte Bildungsmentalität bei den Betroffenen: "Schülerinnen und Schüler sowie ihre Eltern werden bei der Herausbildung von Bildungserwartungen nicht nur von ihren erworbenen und in schulischen Leistungsfeststellungen belegten Kompetenzen, sondern ebenfalls stark von der Schulform, in der sie lernen und leben, geprägt. Auch die 20% besten Hauptschüler wünschen im Vergleich mit leistungsgleichen Gymnasiasten deutlich weniger einen Fachhochschul oder Universitätsabschluss (Hauptschüler: 14%, Gymnasiasten: 58%). Die Schulformen bilden offensichtlich nicht nur differenzielle Lernmilieus, sondern auch differenzielle Anspruchsmilieus aus." Schulform verhindert Chancengleichheit Dass trotz der Möglichkeit, gleiche Abschlüsse an verschiedenen Schulformen zu erzielen, die Schulform selbst ein Hindernis werden kann, weist eine Studie eines Kreditinstituts im Ruhrgebiet nach:" Dort zeigt sich, dass die Akzeptanz von Gymnasiasten mit unterdurchschnittlichen Noten für den Eintritt in die Testauswahl größer ist als diejenige von Gesamtschülern und Schülern des Berufskollegs." Gerd Möllers Fazit bis dahin:" Der mit der Öffnung der Vergabe von formal gleichen Abschlüssen an unterschiedlichen Schulformen unternommene Versuch, eine Balance zwischen dem Fortbestand des gegliederten Schulsystems und dem Grundgedanken der Chancengleichheit herzustellen, gelingt nicht." Problemkind Hauptschule Sein besonderes Augenmerk richtet Gerd Möller schließlich auf die Hauptschule:" Die Hälfte aller Hauptschülerinnen und -schüler gehört am Ende der Sekundarstufe I zur Gruppe der Risikoschüler, darunter sind die Jugendlichen mit Migrationshintergrund überproportional vertreten." Ein wesentlicher Grund dafür liegt darin, "dass Schüler, die bereits durch ihre soziale Schichtzugehörigkeit benachteiligt sind, auf Grund des ungünstigen Lernmilieus ihrer Schulen noch einmal in ihrem Lernerfolg benachteiligt werden." Und G. Möller erläutert den Risikofaktor:"Konzentration von leistungsschwachen Schülerinnen und Schülern aus den unteren sozioökonomischen Schichten mit wenig kulturellem und sozialem Kapital in ihren Familien sowie mit geringen positiven Einstellungen zur Schule und zum Lernen… "Sie[die Schülerinnen und Schüler, d. Red.] dürften sehr wohl wissen, dass sie zu einer Minderheit gehören, die bislang wenig erfolgreich in der Schule war und daher nicht die Chance hatte, weiterführende Schulen mit höheren Ansprüchen und höherem Prestige zu besuchen. Sie dürften auch wissen, dass ihre Chancen, eine Lehrstelle oder gut bezahlten Job zu finden, geringer sind als für Schüler, die von Schulen anderer Schulformen kommen." Lösung in Sicht? Wie also kann das deutsche Bildungssystem verbessert werden, was immer noch Aufgabe der Bundesländer ist? - Gerd Möllers Antwort:"Aus diesem Dilemma kommt man nur heraus, wenn…auch chancengleiche und für jeden Schüler leistungsadäquate Entwicklungsmilieus erreicht werden. Damit würde sich das gegliederte Schulsystem de facto selber abschaffen. Es bliebe lediglich, die sozial und leistungsmäßig ungünstige Schülerzusammensetzung der Schulen entlang der Schulformen aufzuheben. Dies kann aber nur mit einer Schule für alle erreicht werden." Daher appelliert Gerd Möller am Ende seines Aufsatzes an die Bürgerinnen und Bürger, die im Mai den NRW-Landtag neu wählen, sich ihrer besonderen Verantwortung bewusst zu werden und sich mit ihrer Stimmabgabe für ein leistungsfähiges und sozial gerechtes integriertes Schulsystem - "Eine Schule für alle" - einzusetzen. Gerd Möller/pawimö
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