Ruhris rühren sich!
Nicht nur während der Kunstmeilenausstellung in Langendreer verließen sie Wohnzimmer, Balkon und Garten, auch die gelben Ballons und das heimatliche Liedgut – um nur zwei Beispiele heraus zu greifen – waren uns Ruhris Anlass, unseren Alltagstrott zu unterbrechen. Und das machen wir ja bekanntlich gern.
Da fuhr doch tatsächlich Freund Ulf mit seiner Christiane nachts nach dem Tatort zum Tippelsberg, um die beleuchteten Gelbkörper auf sich wirken zu lassen, und gemeinsam genossen wir einen sonnigen Nachmittag am Ballon bei der Feuerwehr am Werner Hellweg. Da waren um 16 Uhr schon sämtliche ehrenamtlichen Torten verkauft, Würstchenduft hing schwer über der bevölkerten Szene und Fiege-Pils hatte längst die blassen Wangen der Männer gerötet und den 3D-Oberkörper weiter gestrafft. Ein Ex-Bergmann erläuterte uns präzise und wortgewaltig das unterirdische Kohleabbausystem von Robert Müser, und Freundin Julia ließ sich gern mit Berghelm fotografieren. Die Jungs am Ballon unterrichteten uns fach- und sachgerecht über die Chancen und Risiken der Luftaktion am Schacht. Mein zweiter Ballonbesuch fand am Mont-Cenis-Gelände in Herne-Sodingen statt, wo uns Grubenlampen, aus Steigerjacken gefertigte Taschen, Kettchen mit Förderturm-Motiven und Kohlestücke auf einer Art Bergbau-Flohmarkt angeboten wurden. Und wir merkten es längst: „Ruhrgebiet“ ist Kult! Und die unvermeidlichen Grillwürstchen mit kalter Hopfenschale in Begleitung sind kultverkettete Accessoires. Und dann der Gesangstag am 5. Juni! Wieder pralle Sonne, wieder Mittagsstunde – und das vor dem Bochumer Rathaus auf heißem Pflaster. Aus dem Ratskeller wurde die Kaltschale serviert – auch hier dann und wann in Begleitung des Würstchens – allerdings in der Curry-Pommes-Version. Dann 12.10 Uhr – nach dem WDR-Countdown, bei dem die Zahl sieben vergessen wurde: Das große gemeinsame und ruhige „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt“. Vielleicht weil mein Vater selbst Steiger war oder weil das ganze Ruhrgebiet mitsang oder weil Melodie und Rhythmus in getragener Weise stattfanden – ich musste schlucken, immer wieder während der Strophen, ich war sozusagen gerührt. Und im Nachgespräch erfuhr ich – glücklicher- und erstaunlicherweise – dass es meinen Begleiterinnen ähnlich ergangen war: Wir Ruhris lassen uns halt gerne rühren, sind rührfähig, rührbar. Ich dachte an Heinrich Heines Beschreibung der Westfalen in seinem „Wintermärchen“, wo er uns als „sentimentale Eichen“ bezeichnet… Wie dem auch sei! Es sind schon markante Erlebnisse mit überraschenden Erfahrungen, die uns das Kulturjahr beschert. Und wir Ruhris rühren uns, lassen uns rühren und das hoffentlich noch ein paar Mal in diesem Jahr – auf jeden Fall am 18. Juli auf der B1. Es rührte Sie Ihr Willi Wachsam
|