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Buchgbesprechung:

Jean Ziegler, Der Hass auf den Westen


Der Titel des Buches (Jean Ziegler, Der Hass auf den Westen, München, 2009) lässt erwarten, dass es von radikalen Islamisten handelt, die den Westen hassen und ihn durch Missachtung westlicher Lebensweise und Terror zu besiegen versuchen. Vor Augen stehen die Anschläge in New York und Madrid. In der Bundesrepublik denken wir an die Sauerlandgruppe und das Beinahe- Attentat im Kölner Hauptbahnhof. Aber Jean Ziegler hat in seinem aufregenden Buch ganz andere Personengruppen im Blick, die Hass auf den Westen haben und damit pauschal die Europäer und Nordamerikaner meinen.
Sein Hintergrund sind die Vereinten Nationen mit ihren Ausschüssen und Arbeitsgruppen, für die er nach seiner Zeit als Abgeordneter in der Schweiz arbeitet. Als erstes stellt er uns eine gebildete asiatische Diplomatin „reiferen Alters“ vor, Sarala Fernando. Sie weigert sich, mit westlichen Vertretern eine gemeinsame Resolution zu den Massenmorden im afrikanischen Sudan  zu verfassen, weil sie den Vertretern Europas und Nordamerikas das moralische Recht abspricht, sich zu Menschenrechtsfragen und zu Kriegen zu äußern. Sie hält Jean Ziegler vor: „…was haben die Deutschen vor noch gar nicht so langer Zeit getan? ....Und die Engländer? Erinnern Sie sich, was sie mit den indischen Webern gemacht haben? Um die indische Textilindustrie zu zerstören und ihr eigenes Monopol durchzusetzen, haben sie den Webern – Männern, Frauen und Kindern – die Finger gebrochen. Und bei uns in Sri Lanka haben die Engländer, als sie kamen, hunderttausende Hektar bestellten Lands, auf dem unsere Bauern arbeiteten und lebten, zu….herrenlosem Ödland erklärt. Die Bauern wurden verjagt. Hunderttausende von Dorfbewohnern sind verhungert. Auf den Massengräbern, die mit den Leichen unserer Bauern gefüllt waren, haben die Engländer ihre Teeplantagen angelegt.“ (S.11f.).  Ziegler sieht in Frau Fernando ein Musterbeispiel für die Einstellung gegenüber dem Westen durch „hochrangige(r) Diplomaten der südlichen Hemisphäre“. „In New York, in Genf denkt die überwältigende Mehrheit ihrer algerischen, philippinischen, senegalesischen, ägyptischen, pakistanischen, bengalischen, kongolesischen und weiterer Kollegen wie sie.“ (S.13). Darüber hinaus ist der Hass auf den Westen in großen Teilen der Bevölkerung südlicher Länder verbreitet.
Ziegler führt uns in seinem Buch durch die Jahrhunderte währende Geschichte der Sklaverei und Kolonialisierung durch den Westen, die in die Unterdrückung von Völkern und Ländern durch eine Wirtschaftsordnung mündet, die einige reich und viele arm macht. Seine Beispiele belegen, dass der Westen durch seine Repräsentanten Vieles tut, wodurch der Hass nicht vergessen wird.
Einige Beispiele:
1. Frankreichs Präsident Sarkozy bereiste 2007 den afrikanischen Kontinent und sprach dort am  26. Juli in der Universität von Dakar zur Jugend Afrikas. Sarkozy stellt die Kolonialzeit als eine Zeit dar, in der die Europäer viel Gutes taten, aber leider waren auch böse Menschen unter den Kolonisatoren, so dass die Zeit laut Sarkozy zu einer Zeit des „gemeinsamen Leidens“ von Afrikanern und Europäern (S.70) wurde. Daraus folgt, dass Sarkozy keine Reue für alles den afrikanischen Völkern geschehene Unrecht einzuräumen braucht. Sarkozy tritt sogar als Lehrmeister für Afrika auf: „Wollt ihr“, so sagt er in der gleichen Rede, „dass auf afrikanischem Boden nie mehr ein Kind verhungert? Dann bemüht euch um eine selbst versorgende Landwirtschaft. Dann entwickelt den Nahrungsmittelanbau. Afrika muss als Erstes seine Ernährungsgrundlage produzieren. Wenn es das ist, was ihr wollt, Jugend Afrikas, dann haltet ihr die Zukunft Afrikas in euren Händen, und Frankreich wird mit euch am Bau dieser Zukunft arbeiten.“ (S.72). Diese Rede hat die akademische Jugend in Dakar bestimmt erstaunt, ist doch die Agrarsubvention der westlichen Industriestaaten eine Hauptursache der katastrophalen Ernährungssituation in Afrika. So haben die westlichen  Staaten 2008 die eigene Landwirtschaft mit 365 Milliarden Dollar gestützt (S.73)  und damit den Export zum Beispiel nach Afrika subventioniert. So kann die afrikanische Hausfrau „auf jedem beliebigen afrikanischen Markt“ europäische Produkte kaufen, die etwa die Hälfte oder ein Drittel preiswerter sind als einheimische Produkte. So werden afrikanische Bauern in den Bankrott getrieben und wird die Selbstversorgung unmöglich gemacht.
2. Die Menschenrechte. Für die Formulierung von allgemeinen Menschen-  und Bürgerrechten sind die Jahre 1776, 1789 und 1948 bedeutsam, die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Nordamerika, die Französische Revolution sowie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen. Das bekundete Wissen um Freiheit, Gleichheit und Würde aller Menschen hielt europäische Mächte nicht vom Sklavenhandel ab, es verhinderte keinen Kolonialismus und es führt heute immer wieder zu gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen Menschenwürde und Selbstbestimmung mit Füßen getreten werden. Die Seiten 106 ff. in Zieglers Buch belegen dies. Ich greife einen Beleg heraus: Dass sich Israel über viele UNO-Resolutionen hinwegsetzen kann, liegt letztlich daran, dass westliche Staaten hinter Israel stehen und es in seiner Politik gegenüber den Palästinensern decken. So wird Israel seit Jahrzehnten bezichtigt, Menschenrechte zu verletzen, ohne dass daraus jemals Konsequenzen gezogen wurden.
3. Führende PolitikerInnen des Westens haben sich und ihre Staaten mit den Milleniumszielen im Jahr 2000 verpflichtet, den Hunger auf der Welt um die Hälfte zu verringern, aber bis heute ist nicht feststellbar, dass deutliche Verbesserungen in der Ernährungslage der Hungernden erzielt wurden. Sind afrikanische und asiatische Menschen doch weniger Wert und haben daher auch weniger Rechte, auch Lebensrechte, als Europäer und Nordamerikaner?
4. Nigeria -  ein reiches Land in Afrika wird auf Grund wirtschaftlicher westlicher Interessen ausgebeutet und zerstört, Menschen sterben durch Kriege oder kommen auf andere Weise elend um. Trotz des Reichtums im Lande verelenden weite Bevölkerungskreise. Drahtzieher und Nutznießer dieser Politik sind internationale Konzerne. Im Lande herrscht eine korrupte Regierung. Und unsere Kanzlerin lädt den nach Meinung westlicher Wahlbeobachter durch Gewalt und Betrug zum Präsidenten Nigerias gewählten Umaru Yar Adua als Ehrengast und Vertreter der schwarzafrikanischen Völker zum G-8 Gipfeltreffen 2007 ein.
5. Papst Benedikt XVI. reiste im Jahre 2007 nach Brasilien. Dort spricht er vor Tausenden von Gläubigen und sagt unter anderem: „Der christliche Glaube beseelt seit mehr als fünf Jahrhunderten das Leben und die Kultur der indianischen Völker dieser Länder….Tatsächlich hat die Verkündigung Jesu und seines Evangeliums zu keiner Zeit eine Entfremdung der präkolumbianischen Kulturen mit sich gebracht und war auch nicht die Auferlegung einer fremden Kultur.“ (S.177).  Wie passt dazu, dass erst im Jahr 2006 der erste indianische Präsident in Südamerika in sein Amt eingeführt werden kann? Kann der Papst so unwissend sein, dass er die Geschichte der indigenen Völker der zurückliegenden 500 Jahre nicht kennt? Eine Geschichte unendlichen Leids, eine Geschichte der Unterdrückung und Entwurzelung, die die Eroberer Hand in Hand mit Kirchenvertretern prägten. Aber warum traut sich der Papst nicht, das zuzugeben und um Vergebung zu bitten?
6. J. Ziegler beendet sein Buch mit einem kurzen Bericht über Bolivien. Unter Führung des neuen indianischen Präsidenten wird dort erreicht, dass ein Teil der Gewinne aus dem Abbau der bolivianischen Bodenschätze durch ausländische Konzerne im Land verbleibt und damit Ernährung und Bildung auch für die indianische Bevölkerung finanziert wird. Das geht nicht ohne Widerstände der Besitzenden, ist aber wohl der einzige Erfolg versprechende Weg für eine bessere Zukunft. Diesen nationalen Weg auch in anderen Ländern zu fördern, ist für den Westen sicher auch der Weg, den „Hass auf den Westen“ zu verringern.
Rolf Schubeius
 
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