Willi Wachsam:
Schluss mit lustig!
Da lese ich und höre, dass es wieder aufwärts geht mit der deutschen Wirtschaft nach der Krise, dass wieder exportiert wird wie in besten Zeiten und dass die Arbeitslosigkeit unter die 3 Millionenmarke gerückt sei.
Prächtige Aussichten, oder?
Leute, das sind die Schlagzeilen! Denn dann lese und höre ich weiter, schaue gar in das Buch vom Börsenspezialisten und Broker Dirk Müller („Crashkurs“) und merke, dass uns Politiker und einschlägige Medien offensichtlich für dumm verkaufen wollen. Der Reihe nach: Nicht alle Arbeitslosen werden als Arbeitslose gezählt! Da heißt es z.B. im „Dritten Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“: Teilnehmer an Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik gelten nicht als arbeitslos.“ Und das waren 2008 ca. 1,5 Millionen Arbeitslose, die an Qualifizierungs-, Förder- und Berufsberatungskursen teilnahmen. Die werden also nicht mitgezählt! Und dann die über 58 jährigen Arbeitslosen, etwa 210000 Menschen, Tendenz steigend. Und dann die Ein-Euro-Jobber und alle Arbeitslosengeld II-Bezieher gelten laut Regierung nicht als arbeitslos. Auch kranke Arbeitslose und Jugendliche ohne Job, die aber eine Lehrstelle suchen, werden nicht mitgezählt. Was für ein Humbug, welch Augenwischerei!
Zählen wir alle zusammen,
die Arbeitslosengeld I und II beziehen, so liegen wir bei 7 bis 8 Mill. Arbeitslosen in Deutschland! Gehen wir großzügig von 42 Mill. arbeitsfähigen und –willigen Menschen in Deutschland aus, so hätten wir also eine Arbeitslosenquote von etwa 20 %! Es kommt noch schlimmer: Aktuell arbeiten in Deutschland 35,8 Mill. Arbeitnehmer. Na also, könnte der Schlagzeilenleser und -hörer jetzt dennoch freudig feststellen, dann hat doch fast jeder zweite Deutsche Arbeit. Doch da lese ich in der WAZ vom 25.8., dass davon 12 Mill., also ca. 36 %, teilzeitbeschäftigt sind. Auch das hört sich ja zunächst unbedenklich an: Man arbeitet halt nur einen Teil der Zeit lang, die man hat. Ich lese weiter: Darunter sind 7 Mill. Mini-Jobs! Mini-Jobs? Ich lerne: Da arbeiten 7 Mill. Menschen für weniger als 400€ im Monat (brutto wie netto). Warum gerade bis 400€? Weil die Arbeitgeber bis zu dieser „Bagatellsumme“ (so heißt das wirklich) nur einen Abschlag an Sozialbeiträgen abführen müssen. Aber von 400€ kann doch keiner leben! Müssen die auch nicht, denn das ist Zusatzverdienst zum Arbeitslosengeld II und für 2,5 Millionen Arbeitnehmer ein Nebenverdienst, weil sie mit ihrem anderen Job nicht auskommen. Hätte ich mir doch dieses Thema nicht vorgenommen, Leute! Denn was ich sonst noch dazu lese, ist haarsträubend! Fast eine Mill. Menschen arbeiten mittlerweile als Leih- bzw. Zeitarbeiter. Eigentlich war diese Art Arbeitsplatz als Flexibilitätshilfe für Unternehmen gedacht, die bei vorübergehenden Auftragssteigerungen ihre Belegschaft kurz- bis mittelfristig aufstocken konnten. Bis Rot-Grün (!) an die Regierungsmacht kam: Ab da durften Unternehmen dauerhaft Leiharbeiter beschäftigen! Und das taten die dann auch bald in gewinnsteigender Weise: Ob Opel, Schlecker oder Krankenhäuser – die Unternehmen gründeten konzerneigene Leiharbeitsfirmen bzw. Tochtergesellschaften, die dann ihr Leiharbeitspersonal ans eigene Unternehmen verliehen – zu neuen Bedingungen: geringere Entlohnung, denn Tarifverträge gelten für diese Leiharbeiter nicht, kein Urlaubs- und Weihnachtsgeld mehr, denn Leiharbeiter gehören nicht zur „Anzahl der Betriebsangehörigen“ – was übrigens auch weniger Betriebsratsmandate zur Folge hatte. In der TAZ vom 5.7. lese ich z.B. von einem Krankenhaus, in dem früher zwei Putzfrauen pro Krankenstation fest angestellt waren. Das Krankenhaus gründete eine Tochtergesellschaft, die das Personal jetzt ans Krankenhaus zu wesentlich niedrigeren Löhnen verleiht.
Unglaublich, oder? Doch der Hiobsbotschaften sind noch mehr: - Jede zweite Neueinstellung in Deutschland ist heute befristet, was natürlich die Zukunfts- und Familienplanung schwierig macht. Gibt’s vielleicht deswegen so wenig Kinder in deutschen Familien? - Die Regierung stellt Unternehmen Aufstockungbeträge in Aussicht, wenn sie Leute einstellen. Das soll natürlich Arbeitsplätze schaffen. Tut es auch, allerdings auf Kosten von Festeinstellungen: Die Zahl der Niedriglohnarbeitsplätze wuchs als Folge davon seit 2005 um 200000 auf heute 1,4 Millionen. Das hat uns Steuerzahlern bis jetzt 50 Mrd.€ gekostet! Wir schenken also den Unternehmen Geld und fördern damit gelichzeitig die Einrichtung von Niedriglohnarbeitsplätzen! - In der WAZ vom 15.10. lese ich: „Immer mehr Firmen halten Lohndrückerei für ein Geschäftsmodell anstatt mit Innovationen zu glänzen.“ Zitiert wird ein DGB-Mann. Wie recht er offensichtlich hat, denn „In Bochum müssten 6400 Menschen ihr Einkommen durch staatliche Zahlungen aufstocken“. Ja, liebe Leserinnen und Leser, da kommt ja Wut auf, wenn man dann noch solche Schlagzeilen vom „Aufschwung der deutschen Wirtschaft“ und vom „Exportweltmeister Deutschland“ liest, mit denen ich meine Stellungnahme begonnen habe. Auf wessen Kosten geht das denn alles? Mittlerweile leben 12,5 Millionen Menschen in Deutschland an der Armutsgrenze, d.h. dass sie unter 60% des momentanen Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben. Die Armutsgrenze liegt aktuell bei 19200€ pro Jahr, 1600€ im Monat. Schluss jetzt! Was ist zu tun? Denken Sie drüber nach, liebe Leserinnen und Leser, Ihr Willi Wachsam
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