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Karl Schuran:

Der Schutzmann auf Streife - nah Lethes Auen

Der Schutzmann war auf Streife, als er in kurzen Abständen von endgültigen Abschieden  getroffen wurde. Menschen, die ihm nah standen, sind plötzlich nicht mehr da. Der eigene Tanz auf dem Schicksalsstrick des Lebens geriet ins Wanken. Blätter fielen früh und zahlreich - und es ward Herbst in der Seele.  

Zunächst der plötzliche Tod seines alten Lehrmeisters im Streifendienst als Schutzmann: Achim Senz. Gütig, gemütlich, gelassen, freundlich und lustig, nicht nur äußerlich einem Buddha gleich, hatte er bis 2003, fast 30 Jahre, als Bezirksbeamter seinen Dienst in Langendreer verrichtet. „Mach dir keinen Kopf, alles geht seinen Gang“, war einer seiner Lehrsätze. Prägend war dem Schutzmann ein zweiter: „Nie habe ich einen Widerstand gehabt, ich rede mit den Menschen.“ Aufgrund dieser inneren Haltung, die später auch im Deeskalationstraining der Polizei wieder zu finden war, gestaltete sich der Dienst ebenfalls ‚widerstandslos’ für den Schutzmann Karl Schuran in den letzten Jahrzehnten - nach anfänglich schmerzhaften Auseinandersetzungen. Fast alles konnte und kann ja im Guten beredet werden. Der alte Lehrmeister ging ganz still und leise - mit einem Blatt als Symbol.

Wenige Tage später starb ein lieber Mensch, zu dem der Schutzmann durch schwierige Lebensumstände leider die Nähe verloren hatte: Wolfgang. Er ging mit den eindruckvollen Zeilen von  Ludwig Hirsch:‚Komm großer schwarzer Vogel…’- einem Lied, das Leid, Hoffnung und spirituelle Weitsicht am Ende eines schmerzlichen Lebens wunderschön vereint. Ein alter Schulkamerad von Wolfgang überbrachte während der Streife die Todesnachricht - ‚zufällig’  vor der Schule an der Oberstraße, dort, wo die beiden früher Klassenkameraden waren. Erschrecken, Verwirrung, Spurensuche… Dann die schöne Erfahrung, dass der Tod auch wieder zusammenführen kann. Menschen werden über die  aufsteigenden Gedanken der Vergänglichkeit und Endlichkeit manchmal milder und versöhnlicher, gehen aufeinander zu, freuen sich, verloren Geglaubtes wieder gefunden zu haben und finden dabei vielleicht gegenseitige Unterstützung für die verbleibende Strecke des Lebens.

‚Man verliert die Zukunft mit dem Tod des eigenen Kindes’, wird gesagt. Doch das muss nicht sein, wie die Engelgeschichte in der vorletzten Dorfpostille zeigt. Auch gute Geister und Engel waren einmal Menschen, wie schon immer Seher, Visionäre - und Gläubige wussten. Versteht man, den frühen Tod eines Kindes über Schmerz und Trauer hinaus mit Sinn zu verbinden, zu füllen, vollzieht sich eine Veränderung im Leidgeprüften. Manche nennen es Reife, deren Früchte langsam wachsen müssen - auch im Umgang mit der Vergänglichkeit. Und vielleicht kann man letztlich gelassen sagen: Alles ist gut -  jetzt gehe ich noch meine Streife - dann gehe ich … ‚Und jedem Abschied wohnt ein Zauber inne’ - dichtete Hermann Hesse und lüftete auf seine Weise ein wenig das Geheimnis des Abschieds. Die Angst vor dem Unvorstellbaren: selbst nicht mehr zu sein - befällt jeden Menschen im Laufe seines Lebens. Oft wird sie verdrängt, abgelenkt, totgeschwiegen. Sich dieser Angst immer wieder mutig bei allen kleinen und großen Abschieden zu stellen, stärkt den beseelten Geist, der mehr und mehr erfasst, dass sich das Ich einst auflöst und dem Willen keine Kraft mehr zufallen wird. Und man kann beginnen, sich von guten Kräften führen zu lassen.

Gehen die Altvorderen, aus denen wir hervorgegangen sind, sollen wir die Vergangenheit verlieren. Der Schutzmann meint eher: Wir verlieren nichts, was wir nicht festhalten. Wir sollen lernen, das Loslassen zu üben und das Jetzt zu erfassen. Wir sollen das Gute nicht vergessen und aus dem Bösen lernen, es meiden. Das Gedicht ‚Die Mutter in mir’ ist ehrend dem guten Geist zugedacht, der die Engel liebte und nun - über Lethe, den Fluss des Vergessens getragen - seinen geistigen Weg fortsetzen wird.

Manchmal sterben Verwandte, Bekannte in kurzer Zeitspanne, und der eigene Geist reiht sich immer häufiger gedanklich ein in diese endlose Parade - hin zum Lebensende. In diesen Gedanken zur Wandlung, jetzt Verwandlung vorwegnehmen, proben, üben - und damit ein wenig vorausschauen - in das Unsichtbare.
Und andere wollen eine Parade der Liebe feiern und enden in einer unfassbar schrecklichen Parade des Todes. Die Überlebenden traurig und traumatisiert, weil sie so plötzlich den Tod gesehen haben oder nicht helfen konnten oder wieder in alten Traumata stehen oder… Der Schutzmann hatte nach dem schrecklichen Tunnelunglück mit den Hilfesuchenden zu sprechen. Zurück bleiben Eindrücke. Andere stellen nun viele, viele Fragen und suchen die Verantwortung - für den Tod. All das, was irgendwann aufgeklärt werden kann, interessiert die Bürgerseele, doch hilft es kaum den Trauernden und gar nicht den Toten. Wieder-gut-machen durch Beistand für die Trauernden, Verletzten, Gebrochenen und Verwirrten würde helfen. Ein Licht am Ende dieses Tunnels -, der ein fassungsloses Zeichen der Trauer, des Mitgefühls, des Gedenkens und der Hilflosigkeit ist und bleiben sollte -, könnten Hilfsangebote für die vielen Menschen sein, die als Opfer der ‚Loveparade’ weiterleben. Eine ‚Caritas-Parade’ als ständiger Leitgedanke für unsere Kulturhauptstadt könnte die Zahl der bereits dort Engagierten zu einem wahren Wert vergrößern. Ein täglicher ‚Event der Nächstenliebe’ in den Krankenhäusern, Altenheimen, Hospizen und Wohnungen bei einsamen, kranken, sterbenden Menschen. Es wäre ein Mega-Event, wenn die Herzen aller kleinen und großen Verantwortlichen und Suchenden als Antwort auf das Drama mit ihren Nächsten sprechen würden. Es gibt schon viele, die diesem ‚höchsten Gebot’ folgen - doch es fehlen noch Millionen von Menschen (in zweifacher Bedeutung) für diese notwendigen und sinnvollen Events der Liebe und Kultur.

Man kann viel vergessen - je nach Alter und Gabe, doch sollte man nicht die lieben Ahnen, Freunde, die Rat- und Liebesspender vergessen, die Menschen, die durch ihr Wesen, durch ihr Dasein in uns weiterleben, weiterwirken. Eigentlich kann man sie gar nicht vergessen, da sie ein Teil in uns sind - mit uns verbunden. Schön ist es, wenn man dieses Band ehrend pflegt, betrachtet, weitergibt - besonders das, was man als gut für sich und andere erkannt hat. In der Bestattung, den Riten, dem Umgang mit Tod und Trauer liegen unsere ältesten Wurzeln von Kultur - was gerne der moderne Mensch vergisst, verdrängt.

Als Dank ist ein weiteres Gedicht entstanden, das auch allen ans Herz gelegt sei, die unsicher im Umgang mit Trauernden sind. Jeder, der schon einmal über den Tod eines Menschen getrauert hat, wird es bestätigen, wie wohltuend die Anteilnahme anderer Menschen ist. Es kann vielfältig geschehen, z.B. durch Blumen, Karten, Briefe, Gespräche, durch Zuhören, mitfühlendes Zuhören …- durch ‚Blumen des Herzens’. Der Schutzmann sagte einmal: „Ich fühlte mich in der Zeit der Trauer wie von Engeln getragen.“ Durch herzliche Anteilnahme können die Trauernden Kraft sammeln, nach und nach ihre Mitte wieder finden, hoffend in die Zukunft schauen - und auch wieder ein Lächeln wagen.

Die Seele lacht - heißt es im Weihnachtsgedicht, das abschließend Herz und Seele aller Leser der Dorfpostille erfreuen soll.
Eine schöne Adventszeit, ein gesegnetes Weihnachtsfest und gutes neues Jahr 2011 -
wünscht von Herzen - der Schutzmann Karl Schuran

Die Mutter in mir

Was in der Schöpfung bleibt verborgen,
Ein ewiges Geheimnis ist.
Es klärt sich einst im Land des Morgen
Warum du kamst, warum du bist.
Im Seelenleben aller Frauen
Die Liebe weise Verse singt;
Voll Freude Mutteraugen schauen,
Da Gottes Werk in ihnen schwingt.

Frei fühlt der Mensch sich und geborgen,
Wenn er so sein darf, wie er ist.
Und wenn doch Kummer plagt durch Sorgen,
Die Harmonie gestört im Zwist…,
Dann sucht er Hände, die vertrauen,
Und Ohren, die geduldig sind,
Das Herz, auf das er treu kann bauen,
Der Mutter, die ihn liebt als Kind.

Verwandelt wird sie sich verbergen -,
Ihr Körper losgelassen ist,
Doch ihre Seele wird nicht sterben,
Der Geist ihr Wesen nie vergisst
Und trägt sie über Lethes Auen.
Sie lebt im Mond, im sanften Wind,
Im süßen Kuss, im Himmelblauen… -
Die Mutter in mir liebt das Kind.
Karl Schuran/2010


Blumen des Herzens

Nachricht des Todes: Blitzschlag ins Leben -
Herzen verbunden, doch eines steht still.
Traurig getroffen beugt uns der Abschied.

Gefühl des Schreckens: zittern und beben,
Ordnung gebrochen, verwirrt das Ich-will.
Traurig betroffen beugt uns der Abschied.

Blumen des Herzens: durch Teilnahme geben,
Gefühlen zuhören, vertraut sein und still.
Traurig, doch hoffend verbeugt sich der Abschied.

Der Geist erwacht

Gott und Mensch sind im Geist verbunden,
Der Kraft, die alles möglich macht,
Die einen Menschen kann gesunden,
Ihn werden lässt - wie er gedacht…

Wird dieser reine Geist gefunden,
Still im Gebet - die Seele lacht,
Verwandeln sich die Lebenswunden
In ihren Sinn - der Geist erwacht…

Die Liebesschwingungen die Welt durchdringen,
Das Göttliche erleuchtet -  unsichtbar,    Verbeugt der Mensch im Geist sich zum Altar.

Warnung und Heil der Gottesquell’ entspringen,
Dies Engel liebevoll und sorgend bringen,
Berühren unser Herz mit goldnem Haar.

Karl-H. Schuran / 2009