Schreiben in Bochum -
lesen in Langendreer
Bochum hat viele Autoren, von denen man selten oder gar nichts hört. Dies zu ändern hat sich Beatrix Gimmerthal zum Ziel gesetzt und gemeinsam mit den Inhabern des Cafe Cheese, Petra und Rolf Stephan, eine Reihe von Lesungen ins Leben gerufen. Am 13. Mai hat der Bochumer Autor Klaus Märkert vor zahlreich erschienenen Interessierten aus seinen Werken gelesen. Er begann mit Auszügen aus seinem autobiographischen Erstlingswerk „Hab Sonne“, der Geschichte eines DJs der Discothek „Zwischenfall“ in Bochum Langendreer. Er war Akteur, Insider und Macher der Musikszene des Ruhrgebiets, hat in zahlreichen Diskotheken in den 80iger Jahren gearbeitet. Die Geschichte aus dieser Zeit ist voll von langendreertypischen Szenen, ist ein Stück Bochumer Zeitgeschichte. Viele hatten Ähnliches erlebt. Aber so präzise und direkt formuliert und mit distanziertem, coolen Witz vorgebracht, zog Klaus Mänkert seine Hörer unweigerlich in seinen Bann und brachte sie zum Lachen. So auch mit seinem gerade erschienenen Buch „Der Tag braucht das Licht – Ich nicht“, Untertitel „Nachthumor ist, das ist ... wenn man lieber abends lacht oder nachts“, 16 Kurzgeschichten bizarren Humors, von der keine der anderen gleicht, aber alle von vielschichtigem Witz und ausgeprägter Fantasie zeugen. Lesespaß pur! Dinge anders sehen, neu sehen. Es ist sicher noch Manches von Klaus Märkert zu erwarten. Seinen Hörern jedenfalls hat es an diesem Abend gefallen. Sie haben sich wohlgefühlt und warten ganz sicher auf Neues, auf weiteres Lesevergnügen. Ebenso gelungen und doch so ganz anders war die Lesung am 28. Mai mit Wilhelm Thöring, der aus seinem 2010 erschienen Roman „Die Bärin – Ein Frauenschicksal der Nachkriegszeit“ gelesen hat. Wilhelm Thöring, 1937 in Bottrop geboren und heute im Münsterland lebend, hat nach einer Lehre als Maschinenschlosser Theologie studiert und in Berlin und im Münsterland als evangelischer Pfarrer gearbeitet. Die Schriftstellerei war ihm immer ein willkommener Ausgleich zum Beruf. Seit seinem vorzeitigen Ruhestand arbeitet er kontinuierlich an unterschiedlichen Erzählformen (Roman, Erzählung). Ursula Andreae, eine Kriegswitwe, ist die Hauptfigur seines Romans. Ursula hat ihren Mann im Krieg verloren, ist ausgebombt und muss nun sich und ihre drei Kinder in einer Zeit, in der noch kaum einer weiß, wie es weitergeht, durchbringen. Ihre Einstellung zum Leben, die durch den Krieg gründlich durcheinandergebracht und verändert worden ist, ist geprägt von innerer und äußerer Härte, von dem Willen, so gut wie möglich zu überleben, aber auch von der daraus entstandenen Unfähigkeit, Gefühle zuzulassen, die dieses Überleben erschweren könnten. Aus diesem Grund scheitert später eine zweite Ehe. Die emotionale Rolle in diesem Roman übernimmt ihre Mutter, die so ganz anders ist und ihren Enkeln die Wärme gibt, die die Tochter nicht geben kann. Wilhelm Thöring hat sicht intensiv mit der beschriebenen Zeit und dem Schicksal ihrer Menschen auseinandergesetzt und macht dies sehr überzeugend für seine Leser und Hörer klar. Spannend und faszinierend erzählt, taucht man in das Leben der Personen ein und kann es kaum abwarten, mehr zu erfahren. Zu diesem Leseabend hatte sich nur ein kleiner Kreis eingefunden , schade für den Autor, aber umso interessanter für die Anwesenden, weil sich so im Anschluss an die Lesung eine lebhafte Diskussion über das Buch und die darin beschriebene Zeit entspann. Ursula Andreae und das Schicksal ihrer Familie stehen für viele ihrer Zeit. Es weckt Erinnerungen an Erzählungen von Zeitzeugen, bei den älteren Zeitgenossen werden sicher auch eigene Erinnerungen wach. Auf Drängen der Anwesenden hat Thöring auch noch aus „ Saat ohne Ernte“, dem ersten Band seiner Trilogie über eine deutschstämmige Weberfamilie aus Polen und deren Leben über drei Generationen, gelesen. Auch hier werden die Figuren sofort lebendig, man vertieft sich in ihre Welt, nimmt Anteil an Leben und Schicksal, möchte wissen, wie es weitergeht. Die sprachliche Ausdrucksfähigkeit und die auf dem Hintergrund fundierter Sachkenntnisse erwachsenden Geschichten faszinieren den Leser und Hörer. Bis zum letzten Wort möchte man hören, lesen.
Wer selbst einmal die Werke der beiden angesprochenen Autoren, die unterschiedlicher kaum sein können, lesen möchte – und dies ist unbedingt zu empfehlen – hier noch einmal die Titel:
Klaus Märkert: Hab Sonne, Edition PaperOne, Leibzig, 2009 Ich bin dann mal tot, Muschel Verlag, Köln, 2010 Der Tag braucht das Licht – Ich nicht, Edition PaperOne Wilhelm Thöring: Saat ohne Ernte, 2003 Zwischen Gewittern, 2005 Erdrückendes Erbe, 2006 Abschiede, Erzählungen, 2004 Die Bärin, 2010 Alle bei: Verlagshaus Monsenstein nerdat Münster in der Edition Octopus.
Ein weiterer Erzählband „Ansichtskarten“ wird im Herbst 2011 im Machtwortverlag Dessau erscheinen. Weitere Veranstaltungen im „Cheese“: Am 15.7. liest Juckel Henke aus seinen Büchern „Beate hatte ein Überbein und tanzte den langsamen Walzer zu schnell“ und „Frauen, die nach Schinken stinken“ und im August Jürgen Riering aus „Der Bund der Wächter“ .
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