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AKW, nee!

akw_logoAKW, nee! Mit diesem von tausenden Mündern geformten Ausruf bei Anti-Atomkraft-Demonstrationen bin ich älter geworden und erlebe nun seine Renaissance.
Durch die von der schwarz-gelben Regierung angezettelte Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke und durch den Gau in Fukushima ist Atomkraft wieder in aller Munde. Dass das notwendig wurde, finde ich höchst bedauerlich, dass dieser Ausruf (AKW, nee) in dieser Situation allerdings ins Bewusstsein ganz vieler Menschen zurückkehrt, ist höchst erfreulich.

Über 160.000 Menschen sollen am 28. Mai gegen die Atomkraft in 21 Städten Deutschlands auf die Straße gegangen sein, um unserer Regierung Beine zu machen. Einer dieser Demonstranten war ich.

Bei der Demonstration in Essen fiel mir auf, dass die Polizei ganz anders als früher in ihren gebräuchlichen Uniformen am Start war. Niemand war mit Helm und Schild und sonstiger Angst fördernder Ausrüstung in den Straßen Essens unterwegs. Zumindest also war keine Riesenkluft zwischen Polizei und DemonstrantInnen zu spüren. Das ist ein Erfolg!

Denn angesichts von mehr als 70% Ablehnung der Atomkraft in der bundesdeutschen Bevölkerung muss es logischerweise auch viele PolizistInnen geben, die gegen die Atomkraft sind. Außerdem – auch das erfreulich – hatte kein Ladenbesitzer seine Schaufensterscheibe mit Holzplatten gesichert.
In Essen waren etwa 6.000 Menschen  mit bunten Fahnen unterwegs. Auf dem Kennedy-Platz wurden die notwendigen Reden gehalten, ohne dass ein Funke der Begeisterung übersprang. Es war selbstverständlich, dass die Anwesenden für den schnellstmöglichen Ausstieg eintreten. Interessant entwickelte sich die Rede des Attac- Vertreters, der einen viel früheren Ausstieg aus der Atomkraft für machbar hält. Er forderte auch nicht lediglich den Ausbau der erneuerbaren Energien, sondern viel notwendiger als neue Stromkapazitäten aufzubauen, ist es, den „eigenen imperialen Lebensstil“ zu verändern. Dadurch wäre eine riesige Menge an Strom einsparbar. Imperialer Lebensstil meint unseren gesamten auf Verschwendung von Ressourcen aufbauenden Lebensstil. Alle DemonstrantInnen waren also gemeint, dennoch erhielt der Attac- Vertreter Applaus. Hoffentlich überprüfen wir DemonstrantInnen unseren eigenen „imperialen Lebensstil“. Zum Abschluss der Demonstration vor dem RWE Haus verbreiteten sich unter den älteren TeilnehmerInnen angenehme Gefühle und gute Laune, spielte doch nach über 30 Jahren wieder einmal MEK Bochum (Mobile Einsatzkapelle Bochum) alte Songs, die uns schon früher angemacht haben.

Nach dem schönen Samstag kam dann auch wieder der graue Alltag mit der Entscheidung des schwarz-gelben Kabinetts (30.5.2011). Der Ausstieg aus der Atomkraft wird demnach bis 2022 stattfinden, die bereits jetzt abgeschalteten Atomkraftwerke bleiben abgeschaltet. Ihre Restlaufzeiten werden allerdings auf andere Atommeiler übertragen. Wenn ich richtig verstanden habe, sollen neue Kohlekraft- und Gaskraftwerke die Lücken schließen, die die erneuerbaren nicht schließen können. Es wird also weiter gewurschtelt. Ein ordentliches Konzept ist nicht erkennbar. Niemand spricht von besonderen Vorhaben zur Förderung der erneuerbaren Energien, nicht von der Planung von Pumpspeicherwerken, nicht davon, die Bundesnetzagentur dem Zugriff der großen Stromkonzerne zu entziehen, nicht davon, die Stromversorgung zu kommunalisieren.

Herr Großmann, Vorstand von RWE, wird wohl weiter der „Kanzlerinnenflüsterer“ (Greenpeace) bleiben. Dafür spricht die Übertragung der Restlaufzeiten auf die moderneren Atomkraftwerke. So werden diese mit den neuen Kohlekraftwerken weiterhin den Ausbau der erneuerbaren Energien hemmen, da sie mit diesen nicht kompatibel sind. Da hilft auch das Zugeständnis wenig, dass bis 2022 drei Atomkraftwerke vorzeitig vom Netz genommen werden. Herrn Großmann und Frau Merkel sei Dank!

Anti_AKWEinen Gedanken muss ich noch loswerden: Wir sollten uns alle abgewöhnen, von der Suche nach einem Endlager für den Atommüll zu sprechen. Denn niemand kann zusichern, dass der Atommüll in der gesamten Zeit seiner Gefährlichkeit strahlungssicher verbuddelt werden kann. Ein solches Endlager wird und kann es nicht geben. So beträgt zum Beispiel die Halbwertzeit für Uran 235, in Atomkraftwerken gebräuchlich, ca. 700 Millionen Jahre. Wer von uns kann sich vorstellen, wie das gehen soll. Im idealsten Fall werden zukünftige Generationen den Müll wieder und wieder ausgraben, um ihn nach zukünftigen wissenschaftlichen Kenntnissen erneut zu vergraben.

Bochum, 5.6.2011

P.S. Klammheimlich scheint sich die Weltgemeinschaft von dem Ziel des Klimaschutzes und der Rettung der bedrohten Inselwelten im Pazifik verabschiedet zu haben. Denn das Jahr 2010 war das Jahr mit dem höchsten CO2 Ausstoß, der je gemessen oder geschätzt wurde.

Nachtrag:  Energiekonzept von Greenpeace, 7.4.2011

Damit sich die Leserinnen und Leser der Dopo ein Bild machen können, was in Sachen Atomausstieg möglich wäre, erfolgt hier ein kurzer Hinweis auf den Greenpeaceplan.

Lt. Eigener Berechnung – so Greenpeace - sei der Ausstieg aus der Atomenergie bis 2015 (!!) möglich. Und das ohne negative Folgen für die Stromversorgung, den Klimaschutz und die Energiekosten. Schon 2011 könnten dauerhaft 9 Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Neben den sieben ältesten wären das zusätzlich Krümmel und Neckarwestheim 2. Dies ginge problemlos, weil der bestehende Kraftwerkspark über bedeutende Überkapazitäten und Reserven verfügt. Zusätzlich sei möglich, ab 2013 auch alte Kohlekraftwerke ohne negative Folgen vom Netz zu nehmen. Sukzessive werden auch die anderen AKW abgeschaltet, da schon 2011 51 neue Kraftwerke im Bau sind. Stromlücken sind folglich keine zu befürchten.

Der zu ersetzende Strom käme überwiegend aus Gaskraftwerken, Windstrom- und Solaranlagen, sagt Greenpeace und bezieht sich dabei auf Angaben des Bundesverbands der Energiewirtschaft. Prognosen der Regierung besagen, dass bis 2020 Windkraft auf 20.000 Megawatt und Solarkraft auf über 30.000 Megawatt ausgebaut werden sollen. (Die Leistung aller 17 AKW beträgt 21.000 Megawatt).

Zitat aus dem Greenpeaceplan: „Eine Laufzeitverkürzung von Atomkraftwerken kann den Klimaschutz befördern, wenn dadurch Investitionen in Erneuerbare Energien, in Effizienz und in neue Gaskraftwerke und Kraft-Wärme-Kopplung ausgelöst werden…Zusätzliche Kohlekraftwerke werden nicht gebraucht und würden das Klimaproblem verschärfen.“

Rolf Schubeius

Fotos und weitere Informationen zur Entwicklung der Atomkraftdiskussion liefert

www.bo-alternativ.de/category/atom