Solidarische Ökonomie:
Weg mit den Zinsen!
Es tut sich etwas auf unserem Globus! Überall stehen Menschen auf, gehen zu Demonstrationen, campieren auf Plätzen oder vor Regierungsgebäuden und fordern von ihren Regierungen bezahlbare Mieten und Lebensmittel, Jobs und eine bessere Gesundheitspolitik, kurz: „mehr Gerechtigkeit“. Dies alles geschieht in einer beispiellosen Schuldenkrise der Industrieländer und einer Finanzwirtschaft, die sich durch Spekulationen riesige Gewinne auf ihre Konten wirtschaftet. Diese „Gerechtigkeitslücke“ ist auch in Deutschland zu beobachten. Immer mehr Menschen arbeiten in Jobs, von denen sie nicht leben können. Befristete Arbeitsverträge häufen sich und über 3 Millionen Menschen müssen ganz ohne Job auskommen. Zum Mittelstand gehörende Bevölkerungsschichten beklagen sich verschlechternde Lebensverhältnisse. Gleichzeitig, so vermeldet die Westdeutsche Allgemeine Zeitung am 11.10.2011 sind die 108 deutschen Milliardäre in den letzten 12 Monaten um 6,5% reicher geworden. Das entspricht 20 Milliarden Euro! Und um die Unterschiede zwischen uns und den Milliardären noch deutlicher zu machen: eine einzige Milliardärsfamilie besitzt zum Beispiel 17.200.000.000 Euro! Daher ist es nicht so verwunderlich, dass sich langsam die Einsicht durchzusetzen scheint, dass es so wie derzeit nicht weitergehen kann. Aber wie dann? Dazu macht sich seit drei Jahren die Akademie Solidarische Ökonomie Gedanken. Einer der Mitstreiter der Akademie, Pfarrer Bernd Winkelmann, hat in einem Interview mit Publik-Forum (18/2011) beschrieben, wie diese Perspektiven aussehen könnten. Seine wesentlichen Aussagen möchte ich im Folgenden zusammenfassend darstellen und sie für die Dorfpostillenleserinnen und –leser kommentieren. Natürlich sind wir für die Einführung der „Finanztransaktionssteuer“ und für „grüne Investitionsprogramme“. Aber diese Reformen sind nur kleine Schritte auf dem Wege zu einem gerechten Wirtschaftssystem. Zentrale Punkte sind die Abschaffung des Zinssystems und das Verbot, einen großen Teil der Gewinne aus den Unternehmungen abzuzweigen und auf die Konten von Eigentümern und Aktionären umzuleiten. Banken sollen in Zukunft Kredite nur anhand eines Gebührensystems vergeben. Auch Sparkonten erwirtschaften keine Zinsen mehr, sondern werden kostenfrei von Banken und Sparkassen verwaltet. Da diese mit den privaten Vermögen arbeiten, haben sie genug Vorteile, meint Winkelmann. Die Chancen dieses neuen Systems liegen auf der Hand. Spekulationen gibt es nicht mehr. Für Schuldner fällt es viel leichter, ihre Schulden zu bezahlen, da die Zinsen die aufgenommenen Kredite nicht mehr um ein Vielfaches verteuern. Alle, die sich in der Vergangenheit mit der Verschuldung der Dritten Welt oder jetzt mit der aktuellen Schuldenkrise der Industrienationen auseinander gesetzt haben, werden unmittelbar begreifen, dass viele Staaten die aufgenommenen Kreditsummen längst bezahlt haben, aber sich zur Zeit noch mit der Tilgung wegen der Zins- und Zinseszinszahlung abmühen. Auch alle Immobilienbesitzerinnen und –besitzer wissen, dass ihre Kosten für das eigene Häuschen gegenüber dem ursprünglichen Kaufpreis durch Zinsen enorm gestiegen sind und oft zur Last wurden. Vor der Abschaffung des Zinssystems braucht uns „normalen“ Leuten also nicht bange zu sein. Wir haben sicher auch nichts dagegen, wenn der große Teil der Gewinne aus Unternehmungen nicht mehr in privaten Taschen landet. Die Eigentümer von Unternehmungen sollen jedoch weiter gut leben. Das sei ihnen gegönnt. Es ist konsequent, wenn die Mitglieder der Akademie ebenfalls den spekulativen Aktienhandel abschaffen wollen, denn durch spekulativen Aktienhandel und die private Aneignung der Gewinne werden mehr und mehr Menschen auf diesem Globus arm und ärmer, einige wenige aber reich und immer reicher. Sinn des Wirtschaftens in den angestrebten neuen Verhältnissen ist es, „sinnvolle Produkte“ und Dienstleistungen sowie „sinnvolle Arbeitsplätze für alle – unter Teilhabe aller“ zu schaffen. „Wenn dies gelingen soll, dürfen Werte wie Kooperation, Wertschätzung (…) und Solidarität nicht länger aus dem Wirtschaftsprozess ausgeklammert werden.“ So zu Wirtschaften bedürfte neuer Strukturen wie genossenschaftlicher Arbeit und eines schonenden Umgangs mit den Ressourcen unserer Erde. Auch diese Ziele der Veränderung des Wirtschaftssystems werden unseren Beifall finden, denn wer wünscht sich nicht „sinnvolle Produkte“ und „sinnvolle Arbeitsplätze für alle, in denen weniger Konkurrenz, sondern Kooperation zählt. Die Mitglieder der Akademie Solidarische Ökonomie sind ziemlich sicher, dass sie große Unterstützung für ihre Pläne erhalten und werden durch eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung im Jahre 2011 gestützt. Gegenüber der Stiftung äußerten 88% der Befragten den Wunsch nach einer anderen Wirtschaftsordnung. Dennoch bedarf es weiterer Überlegungen und harter Arbeit, die „Utopie in die Realität“ zu holen. Davor nicht zurückzuschrecken, sei die gegenwärtige Herausforderung, so Pfarrer Winkelmann. Die ‚harte Arbeit’ ist mit Sicherheit erforderlich, da es viele einflussreiche Interessengruppen gibt, die von der neuen Wirtschaftsordnung nicht profitieren. Rolf Schubeius
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